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«The Digital Swiss 5» – oder: Virtueller Grössenwahn?

Weil draussen im richtigen Leben der Corona-Lockdown fast alles lahmlegt, wird auch die Sportwelt kreativ und innovativ. So findet kommende Woche während fünf Tagen die weltweit erste digitale Rennserie statt, bei der die besten Pro-Teams des Velosports am Start sein werden – Live-Übertragung im Schweizer Fernsehen (SRF) inbegriffen.

Jetzt ist dies hier ja eigentlich ein Laufblog. Aber die Affinität zum Zweiradsport ist klar vorhanden. Mehr noch: In jungen Jahren, als ich sinnloses Herumrennen noch als lästiges, ballloses Übel beim Fussballtraining erachtete, strampelte ich auf meinem Cilo-Rennvelo Kilometer um Kilometer ab. Und erlebte in meinem damaligem «Gümmeler»-Fan-Dasein mit meinem Vater im Fussballstadion von Mulhouse live ein legendäres Einzelzeitfahren der «Tour de France» – mit dem Duell zwischen Bernard Hinault und Phil Anderson, Equipe Renault gegen Equipe Peugeot. Am 11. Juli 1981, lediglich schlappe 39 Jahre her also, um präzise zu sein – Google sei Dank.

«Hello, it’s me» – der Avatar in der virtuellen Welt von Rouvy jagt kommende Woche quer durch die Schweiz.

Was liegt vor diesem Hintergrund geballter Radsportkompetenz folglich näher, als sich für «The Digital Swiss 5» (so der offizielle Titel der schweisstreibenden Welturaufführung) anzumelden? Es mit dem amtierenden Strassen-Weltmeister Mads Pedersen aufzunehmen? Und mit dem dreifachen Grand-Tour-Sieger Vicenzo Nibali? Dem Stundenweltrekordhalter Victor Campenaerts – oder mit Nino Schurter, dem achtfachen Weltmeister und amtierenden Olympiasieger im Mountainbike?

Zugegeben: Es wird letztlich nicht die gleiche Rangliste sein («Zum Glück!»), aber gefahren wird auf den identischen Strecken («Ui …»). Vom 22. bis 26. April starten die Profi-Teams jeweils um 17 Uhr – mit SRF-Sport-Kommentatoren, ein Fahrer live im TV-Studio, 16 weitere können mittels Webcam aus ihrem Zuhause zugeschaltet werden. Und wenn die Top-Cracks längst am Duschen sind, geht’s um 19 Uhr mit dem Fan-Race los. Gefahren wird in der Augmented-Reality-App von Rouvy – bei Profis und Fans.

Es gibt einen «Unregister»-Button – aber der bleibt auf jeden Fall unangetastet.

Während für die Topcracks eine Rennzeit von rund einer Stunde erwartet wird, habe ich mir in den vergangenen Wochen auf meinem Heimstrampler, dem Tacx Neo Bike Smart, vorsorglich Sitzleder angeeignet. 2 Stunden und 28 Minuten sind das in meinem bisherigen Leben längste, was ich je stationär in die Pedalen getreten habe. Eigentlich absurd, wenn man meine Abneigung gegenüber Ausdauersport an Ort und Stelle kennt …

Noch gut vier Tage, dann geht’s los: «Die ersten Kilometer im flachen Agarn muss man geniessen, denn nach nur 4 Kilometern folgt der grosse Knaller», so die Beschreibung der ersten Etappe. «Die Serpentinen nach Erschmatt überwinden 800 Höhenmeter innert kürzester Zeit. Die Kurven sind sowohl eng als auch steil. Hier muss man auf die Zähne beissen, um mit den Besten mitzuhalten.» Ein Mal leer schlucken. 26,6 Kilometer und knapp 1200 Höhenmeter werden an jenem Abend am Ziel in Leukerbad auf dem Tacho stehen.

Der «Blick» ist Medienpartner von «The Digital Swiss 5», freut sich im «SonntagsBlick» (Ausgabe vom 19. April 2020) darüber, dass es endlich wieder Live-Sport gibt – und sucht, weil es eine Boulevard-Zeitung halt nicht lassen kann, in grossen Lettern bereits wieder das Haar in der Suppe.

Auch bei den Etappen zwei bis fünf tauche ich auf der Startliste auf. Jeden Abend, 19 Uhr. Wie oft ich dann in Tat und Wahrheit an der Startlinie stehe oder nicht vielmehr auf der Couch die müden Beine hochlagere, ist aus heutiger Sicht komplett offen. «Die dritte Etappe lockt mit dem höchsten Strassenpass der Schweiz – dem Nufenenpass. Hier sollten die Bergflöhe im Peloton zum Zuge kommen», heisst es. Bergfloh? Kann ich. Zumindest auf Laufstrecken. Auf der Augmented-Reality-Passstrasse lautet die Fragestellung aus meiner Sicht vielmehr: reales Ausdauertraining oder virtueller Grössenwahn?

Aus dem Reduit habe ich mir heute vorsorglich schon mal den Besen geholt, um ihn im Fall der Fälle hinten ans Velo binden zu können. Denn auch hier gilt: «Dr Letscht löscht s Liecht …»

 

«The Digital Swiss 5» im Überblick:

  • Mittwoch, 22. April | Agarn-Leukerbad | 26,6 km, 1192 Höhenmeter
  • Donnerstag, 23. April | Frauenfeld-Frauenfeld | 46 km, 180 Höhenmeter
  • Freitag, 24. April | Fiesch-Nufenenpass | 33,1 km, 1512 Höhenmeter
  • Samstag, 25. April | Oberlangenegg-Langnau i.E. | 36,8 km, 444 Höhenmeter
  • Sonntag, 26. April | Camperio-Disentis/Sedrun | 36 km, 950 Höhenmeter

 

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