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Tacx Neo Bike Smart: Kurzschluss, Nervenprobe und Suchtfaktor

Oben auf dem Oberalppass steht der Mannschaftsbus von Lausanne Sport. Virtuell. Also eigentlich schon in echt. Aber irgendwie doch nicht so ganz. Vielmehr ist es «Augmented Reality», wie ich als schattenwerfender Avatar locker die letzten Meter vor dem Kulminationspunkt in die Pedale trete. Und in Tat und Wahrheit keuche, kurz fluche und vor allem schwitze wie Hölle.

Die Luft ist schon etwas «aufgebraucht» hier drin. Im Wohnzimmer. Obwohl die Balkontüre offen ist und die beiden kleinen Propeller über dem Lenker ab einer Geschwindigkeit von 10 Kilometern pro Stunde Luft zufächern. Taten sie in der Steigung von Disentis hinauf auf knapp 2030 Meter über Meer nicht immer – denn 10 km/h bei Steigungen von bis zu 12 Prozent in den Spitzkehren sind für einen Comeback-«Gümmeler» nach fast drei Jahrzehnten eine echte Ansage …

Die 7. Etappe der Tour de Suisse, das Bergzeitfahren von Disentis über den Oberalppass nach Andermatt – hier noch mitten im Aufstieg vor den Spitzkehren, die alles abverlangen werden. (Foto: Sabine Böhm)

Alternativtraining, heisst das Zauberwort. Mittlerweile gezwungenermassen. Denn pünktlich mit dem Corona-Lockdown, also vor vier Wochen, hat die Piriformis-Gegend wieder zu zwicken begonnen. Dieses Mal links. Zwei Mal das gleiche Wehwehchen wäre auch irgendwie fantasielos.

Ebenfalls seit ein paar Wochen regelmässig im Einsatz ist das «Tacx Neo Bike Smart». Neo Bike? Marketingmässig viel Lärm um einen plumpen Hometrainer, dürften Puristen schnöden – eine regelrechte Hightech-Maschine entgegnen Freunde von virtuellem Ausdauertraining mit Reality-Keuch-und-Schweissattacken. Virtuelles Velotraining im Frühling, wo über das Wochenende die Temperaturen bis auf 25 Grad klettern? Kann man so machen – muss man aber nicht. «#stayathome», wäre als Erklärung zu simpel. Und falsch zugleich.

Bestellt war die Maschine fürs Alternativtraining – noch lange bevor sich die Gesässmuskulatur wieder unschön bemerkbar machte – ja schon Ende September des Vorjahres. Nach ersten Lieferschwierigkeiten stand sie Anfang Dezember erstmals in der guten Stube, liess zwei Kürzesteinheiten über jeweils etwa 10 Minuten zu, bevor die Elektronik schmürzelte. Schmeichelhaft, falls meine Überkräfte Auslöser gewesen wären – waren sie aber nicht. Materialdefekt. Kurzerhand Kurzschluss.

Das Lächeln soll über den ruppigen Anstieg zum Oberalppass nicht hinwegtäuschen: reales Fahrgefühl in einer virtuellen Welt … (Foto: Sabine Böhm)

Was folgte war ein langes und mühseliges Hin und Her mit dem Hersteller, der niederländischen Firma Tacx, die seit gut einem Jahr zum amerikanisch-schweizerischen Garmin-Konzern gehört. Eine Geschichte mit viel Nichtwissen, vagen Terminzusagen und leeren Versprechungen, die glücklicherweise nicht ich auszufechten hatte. Vielmehr hat sich mein Lieferant, ST Distribution in Uster, wochenlang mächtig ins Zeug gekniet. Der Firmeninhaber, der ehemalige Schweizer Veloprofi Stefan Trafelet, und dessen Werkstattleiter Yves Werner bewiesen in der Kommunikation mit Tacx Nerven wie Drahtseile – und zeigten auf, was erstklassiger Kundenservice heisst: Bis das Neo Bike endlich in ausgetauschter und vor allem funktionstüchtiger Form eingetroffen war, wurde kurzerhand eine Alternativ-Kombination zur Verfügung gestellt – bestehend aus einem «Tacx Neo 2T Smart» und einer Felt-Carbonmaschine.

Mittlerweile habe ich in den Fantasie- und Halbechtwelten von Zwift knapp 260 Kilometer und rund 10 Stunden abgespult, trete im Schnitt schon jenseits der 200-Watt-Marke. Parallel dazu bin ich eher zufällig auf die tschechische App Rouvy gestossen, die weniger auf «Gamification», sondern echte Landschaften und reale Rennerlebnisse – wie Etappen der Tour de Suisse oder Tour de France – setzt. Weitere 82 Kilometer und 1400 Höhenmeter sind auch dort schon zusammengekommen. Den App-Test, Zwift versus Rouvy, habe ich für den Moment unentschieden ausgehen lassen und für beide Welten ein Monats-Abo gelöst. Bin Einzelrennen gefahren, habe die «Tour of Watopia» komplett bestritten, in York den WM-Rundkurs befahren und mein Debut als Einzelzeitfahrer gegeben. Irgendwie hat sich so eine klitzekleine Sucht entwickelt.

Sind die Propeller des «Tacx Neo Bike Smart» mit der Geschwindigkeit gekoppelt, gibt es ab 10 km/h eine Kühlung – im Aufstieg zum Oberalppass mitunter kein leichtes Unterfangen. (Foto: Sabine Böhm)

Und so ganz nebenbei wird das Sitzleder von Tag zu Tag besser: Vor einer Woche habe ich bei einer 40-Kilometer-Tour in der Nähe des Lipno-Stausees in Tschechien mit knapp 100 Minuten die längste Trainingseinheit aller Zeiten auf einem Velotrainer verbracht. Das könnte an den kommenden zwei Ostertagen noch getoppt werden. In der «Tour de Suisse»-Challenge auf Rouvy sind – nach dem Bergzeitfahren Disentis-Oberalppass–Andermatt – nämlich noch drei Etappen (im Original der Profis ist das notabene eine einzige …) zwischen 32 und 40 Kilometern mit Höhendifferenzen zwischen 1100 und 1500 Meter zu absolvieren. Virtuell. Mit ganz realem Schweiss. Eine muss ich zumindest versuchen. Werde keuchen, schwitzen und wahrscheinlich fluchen. Suchtfaktor.

Ein neues Spielzeug? Zwei Apps im (fast) täglichen Einsatz? Und alles ohne eingehende Erklärung mit den berühmten Pros und Cons – geht das auf einem Blog? Für heute: ja. Denn eigentlich wollte ich nur meine Überraschung ausdrücken: Oben auf dem Oberalppass stand der Mannschaftsbus von Lausanne Sport …

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  1. «The Digital Swiss 5» – oder: Virtueller Grössenwahn? – strohmRUN

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