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Eiger Ultra Trail 2019: Gedankenspiele für die Ewigkeit

Eineinhalb Wochen ist es nun her. Von irgendwoher sollen an jenem Samstag, dem 20. Juli, über der Bergwelt von Grindelwald noch Regenwolken aufziehen. Jetzt, kurz nach Mittag ist davon weit und breit nichts zu sehen – im Gegenteil: Gleissende Sonne begleitet uns im steilen Aufstieg über die Büössalp zum Gassenboden und weiter aufs Faulhorn. Die Uhr zeigt nur noch etwa zwei Kilometer Distanz bis ganz nach oben, doch es fehlen etwa 600 Höhenmeter.

Das Berghotel Faulhorn haben wir schon vor gefühlt einer Ewigkeit erstmals gesehen. Am Bachsee, viele Kilometer zuvor, von wo aus eigentlich jeder Vernünftige aufsteigen würde. Nicht wir, mit der Startnummer des «Eiger Ultra Trail» angeheftet. Nein, wir können auch kompliziert. Nochmals rauf, runter, rauf und – damit der Anstieg erst so richtig Sinn ergibt – nochmals runter. In jenen Minuten gegen halb eins nützt auch die Gewissheit nichts, dass das Faulhorn (25,0 km) Kulminationspunkt und de facto Streckenhälfte in einem bedeutet.

Kurz nach 7 Uhr: Die E51-Läuferinnen und -Läufer starten durch die Strassen von Grindelwald in Richtung Grosse Scheidegg.

Laufsport ist doof. Erst recht in den Bergen. Irgendwie da noch rauf auf den Berggipfel, heisst die Devise in diesem Moment – und dann ist Schluss mit lustig. Mit Ultra. Mit Trailrunning. Mit Marathon. Ja, auch mit kurzen Stadtläufen. Einfach mit allem. Samstage könnten so erholsam sein. Aber nein: Schritt für Schritt quält sich eine ganze Horde Wahnsinniger demjenigen Haus auf der Bergkrete entgegen, das einfach nicht näher (und zu diesem Zeitpunkt fast noch wichtiger: nicht tiefer nach unten) kommen will.

Szenenwechsel. Ein paar Stunden später, zwischen Schwand (37,3 km) und Burglauenen (44,4 km), lasse ich es nun so richtig krachen. Selbst die kurzen giftigen Gegenanstiege in den kühlen Waldpassagen geniesse ich. Der Rücktritt vom Rücktritt ist hier längst vollzogen; im Kopf schwirren bereits die nächsten Ideen und Ziele herum. Trailrunning, Marathon, ja, auch Ultra. Vielleicht noch höher? Vielleicht noch weiter?

Trailrunning – hier, kurz vor der Grossen Scheidegg, ausnahmsweise auf breiten Pfaden.

In Burglauenen selbst wartet Coach Reto Hunziker, der mit Seilbahn, historischer Zahnradbahn und Rennvelo einen Husarenritt vollzieht und mich auf dem First (14,1 km), unter der Schynige Platte, eben hier in Burglauenen und dann rund sieben Kilometer später im Ziel empfängt – und motiviert. «Alles im Griff», signalisiere ich, «die Muskulatur spielt mit, ich lasse es nur noch laufen.» Noch einmal sind etwa 200 Höhenmeter zu absolvieren. Die Strecke des E51 führt der Schwarzen Lütschine entlang nach Grindelwald – jetzt meist flach, doch immer wieder auch ein bisschen rauf und runter. Nicht direkt nach Grindelwald ins Dorf, sondern via Grund zum Locherboden. Grund, Boden: Die Bezeichnungen sind Programm.

Die Eishalle, wo sich Eventgelände mit Ausgangs- und Endpunkt befinden, haben wir schon längst gesehen. Oben. Aber wir, mit der Startnummer des «Eiger Ultra Trail», drehen durch Grund und Boden eine Art Ehrenrunde – um schliesslich mit einem letzten giftigen Anstieg Richtung Dorfmitte einzubiegen. Ja, wir Trailrunner können eben kompliziert. Und das ist genau richtig so.

In der Region First wird der E51 seinem Namen gerecht: «Panorama Trail». (Fotos: alphafoto.com)

Die Regenwolken haben sich am Nachmittag über Grindelwald selbst übrigens entladen; auch in der drauf folgenden Nacht auf Sonntag werden die E101-Läuferinnen und -Läufer mit der Nässe kämpfen müssen. Der E51 bleibt verschont. Gut 51 Kilometer und rund 3100 Höhenmeter, rauf und runter, habe ich in den Beinen, als ich auch die letzte Hürde, jene steile Rampe hinunter zum Zielbogen meistere. Sekunden später hängt der «Eiger Finisher Stein» um meinem Hals: eine Medaille, nein, ein Stück Natur für die Ewigkeit.

Die Zeit? Eigentlich egal. «Irgendwas zwischen elfeinhalb und zwölfeinhalb Stunden», hatte ich im Vorfeld hin und wieder mal laut gedacht – «ankommen», war das eigentliche Ziel. Zwölf Stunden und 15 Minuten sind es letztlich geworden; angesichts des mentalen Einbruchs unter dem Faulhorn sehr zufriedenstellend.

Ein Blick auf den Stein. Und auf das Finisher-Shirt. Das Lachen wird immer breiter. Schluss mit lustig? Absurd.

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