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Zermatt-Marathon: Blut, Schweiss und Läuferstolz

Nein. Es war taktisch wohl kein kluger Schachzug, im allerletzten Moment mit #breaking6 – angelehnt an den von einem Schuhhersteller klinisch inszenierten Marathon-Weltrekordversuch in Monza – ein Personal-Best-Zeitziel für den Zermatt-Marathon auszugeben. Sechs Stunden und 12 Minuten waren es nämlich vor drei Jahren gewesen, letztlich dann doch eine Viertelstunde mehr am vergangenen Samstag. Und hätte dieser Vergleich nicht irgendwo im Kopf herumgeschwirrt, würde es keine Zweifel darüber geben, dass das zweite «Finishen» des 42,195 Kilometer langen Laufes mit Überwindung von 1944 Höhenmetern per se pure Freude auslösen sollte.

Zieleinlauf auf dem Riffelberg: Nach 42,195 Kilometern Distanz und offiziell 1944 Höhenmetern überwiegt letztlich die Freude. Nach 2014 das zweite «Finishen» beim Zermatt-Marathon. (Foto: Marathon-Photos.com)

Und so sind es auf den letzten Metern auf dem Riffelberg in Richtung Ziellinie doch noch feuchte Augen, eine unauffällig geballte Faust – und ganz grosse Erleichterung. Nach monatelangen, zähen Zeiten mit schmerzhaften Trainings, längeren Aktivitätspausen und etlichen Rückschlägen ist der im Frühjahr 2016 mein über Social Media propagierte Slogan «Come back stronger» Tatsache.

Zögern, zaudern und jubilieren

«Wie lief’s?», ist die mir in den Tagen danach meistgestellte Frage. Dass die Antwort zögerlich kommt, beweist die innerliche Zerrissenheit. «Schlecht», wäre eine schlicht schwarzgemalte Antwort – «super» als Replik indes ebenso übertrieben. Die Wahrheit liegt, einmal mehr, irgendwo in der Mitte. Das Zögern und Zaudern ist letztlich Sinnbild für den ganz persönlichen Stimmungswandel während des Laufs: guter Start, tiefes Tal – und dann von Minute zu Minute besser. Knapp sechseinhalb Stunden: Da bleibt viel Zeit zum Nachdenken, zum Grübeln, zum Jubilieren.

Gerade der Schluss des Laufs macht Mut: Ab Kilometer 30, kurz vor Sunnegga, bis ins Ziel «sammle» ich einige Läuferinnen und Läufer ein, werde nicht mehr überholt – und lasse mich auch vom brutalen Schlussanstieg nach der Riffelalp nicht aus dem Rhythmus bringen. Die Kombination aus guter Kondition, effizientem Krafttraining und einem fast schon optimalen Wettkampfgewicht trägt Früchte.

Stimmungsvolle Passage des Leisee unterhalb Sunnegga: Das Matterhorn – notabene «der schönste Berg der Welt» – versteckt sich den ganzen Tag über hinter den Wolken. (Foto: Marathon-Photos.com)

Es sind am Ende also Hochgefühle, die bleiben – obwohl es zwischenzeitlich nicht danach ausgesehen hat. Denn irgendwo lasse ich schon auf der ersten Streckenhälfte zwischen St. Niklaus und Zermatt Zeit liegen: Fast auf die Sekunde genau zweieinhalb Stunden sind vergangen, als ich in der Bahnhofstrasse mit den ersten rund 500 Höhenmetern in den Beinen die Halbmarathon-Marke passiere. Bis Täsch läuft es noch absolut rund, danach kommt beim einen oder anderen ruppigen Anstieg in Richtung Zermatt unerklärlicherweise zunehmend Sand ins Getriebe.

Krampfhaft durchs Matterhorndorf

Ist es die Vorahnung, dass ich ausgerechnet bei der vier Kilometer langen Schlaufe durchs Matterhorndorf eiskalt erwischt werden sollte? Krämpfe im Adduktorenbereich – erst rechts, dann links. Das Dehnen fällt schwer. Und wird von nicht nur innerlichem Fluchen begleitet. Krämpfe? Bis anhin während Wettkämpfen ein Fremdwort. Schon gar nicht nach etwas mehr 22 Kilometern – da waren einige Trainingseinheiten in den vergangenen Wochen deutlich länger.

Erst Stunden nach dem Zieleinlauf werde ich bei der Suche nach Gründen fündig: Keine zehn Tage ist es nämlich her, als ich nach einem Personal Training in ebenjenem Adduktorenbereich einen gehörigen Muskelkater davongetragen hatte. Nicht die Schuld des Trainers, sondern schlicht Übereifer meinerseits.

Und im Nachhinein die Erkenntnis, dass die Taperingphase – also die Erholung vor einem Wettkampf – nicht nur für das eigentliche Lauftraining konsequent gelten sollte. Anfängerfehler? Eindeutig. Erst in Zermatt, dann im langen Aufstieg Richtung Patrullarve: Leere. Und im Nachhinein auch eine Lehre. Für künftige Aufgaben.

Premierentaucher im Arvenwald

Zeit für eine Premiere bleibt auch noch: Bei Kilometer 37, just als die schwierigsten Trailpassagen eigentlich geschafft scheinen, reicht inmitten des herrlichen Arvenwalds ein kurzer Augenblick der Unaufmerksamkeit, um die Laufhose löchrig und das Knie ziemlich blutig zu schlagen. Letzteres führt nach erfolgreichem Zieleinlauf zum ersten Live-Besuch eines Sanitätszelts an einer Laufveranstaltung. Die blutverschmierte Wunde sieht nicht schön aus, reiht sich aber punkto Tragweite in die Kategorie «tödlicher Männerschnupfen» ein. Wenig später: Desinfizierung geglückt, Patient wohlauf.

Immerhin ist zum Zeitpunkt der Kollision zwischen Fuss und hochalpinem Gestein die Reaktionsfähigkeit noch vollauf sichergestellt: Der am Boden liegend sofort eingeleitete Rundumblick ergibt nämlich, dass niemand, wirklich niemand, diesen peinlichen Moment beobachtet hatte. Läuferstolz wohlauf.

Bei so viel Herzlichkeit kann eigentlich nichts schiefgehen: Nebst einem Erstklass-Zmorgebuffet mit vielen selbstgemachten Leckereien gibt es am Wettkampftag frühmorgens auch aufmunternde Worte von der Gastgeber-Familie um Fabienne Anthamatten vom Hotel Bella Vista in Zermatt.

«Wie lief’s?» Ja, eigentlich toll. Irgendwann nach 15 Uhr nehme ich kurz hinter der Ziellinie mein Finisher-Shirt und alkoholfreies Dosenweizenbier in Empfang, küsse meine Frau (die trotz operiertem Fussgelenk mit Krücken hervorragende Helferdienste geleistet hat) – und erhalte im selben Augenblick meinen Kleidersack in die Hände gedrückt. Ein letztes i-Tüpfelchen punkto unbändiger Herzlichkeit beim Helferteam des Zermatt-Marathon.

Und genau jene Begeisterung führt eben auch dazu, dass ich wohl 2018 wieder am Start stehen werde. Wahrscheinlich mit #breaking6 im Hinterkopf …

 

«Danggerscheen!»

Und zum Schluss noch dies: Im Herbst 2014 hatte sich bekanntlich das Piriformis-Syndrom erstmals bemerkbar und mir einen dicken Strich durch etliche Laufpläne gemacht. Erst seit ein paar Wochen, also nach fast drei Jahren, bin ich (praktisch) schmerzfrei und geniesse den Laufsport noch intensiver als je zuvor. Ein ganz besonderer Dank geht deshalb an: Isa Wyss (mentale Unterstützung, Wettkampf-Assistenz und Ehefrau), Ruedi Frehner (Trainingsplanung und Laufcoaching, RUEDIRENNT in Chur), Daniel Schmidt und Team (Personal Trainer Kraft/Ausdauer, Fitorama Basel), Michi Bürgin (Physiotherapie, Physiorama Basel), Bea Stirnimann (Osteopathie, Binningen), Alain Hutter (Laufschuhberatung und sportorthopädische Einlagen, MEM Sport Basel), Sissimos Livas (Dry Needling, Physio & Sport am Bahnhof Baden), Marlene Schwanbeck (Masseurin, Fitorama Basel), Roman Gemperle (Physiotherapie, Chur), Matteo Rossetto (Sportarzt, Sportklinik Basel), Fabienne Anthamatten und Team (Rundumwohlfühlgarantie am Wettkampf-Wochenende, Hotel Bella Vista in Zermatt) und an alle die, die mich ausserdem in irgendeiner Form tatkräftig und/oder mental unterstützt haben!

10 Kommentare zu Zermatt-Marathon: Blut, Schweiss und Läuferstolz

  1. Was für eine schöne Abendlektüre. Es hat richtig Freude gemacht, mit dir den Lauf virtuell nachzulaufen. Auch wenn ich dabei saß und du schwer gekämpft hast. Dass das keine einfache Strecke ist, zeigen schon die Aufnahmen.
    So eine lange Zeit unterwegs zu sein, bringt einem tatsächlich zum Nachdenken. Da muss man auch irgendwie drauf vorbereitet sein. Ich kenne das von mir… wenn Gedanken einen übermannen. Aber super gekämpft und es scheint ja wirklich eher ein sehr harter Jubellauf gewesen zu sein, wenn du nächstes Jahr sogar schon ein Ziel anvisiert hast.

    P.S. Tolle Geste mit dem Kleiderbeutel im Ziel!

    • Vielen Dank für die Blumen!

      Ja, der Lauf ist meines Erachtens seitens Herzlichkeit der Organisation nicht zu toppen. Auch unterwegs – sei es bei den Verpflegungs- oder den unzähligen Streckenposten – ist immer ein Lächeln dabei. Das motiviert … eben auch zum Wiederkommen.

      • Das ist wirklich schön und macht richtige gute Veranstaltungen, egal wie groß oder klein, einfach aus. Toll.

      • Absolut! Es sind manchmal Kleinigkeiten, die entscheiden und bleibende Eindrücke hinterlassen. Für mich hat der Zermatt-Marathon noch immer die «richtige» Grösse: keine Massenveranstaltung, aber auch kein Lauf «unter ferner liefen».

  2. Gabor Szirt // 4. Juli 2017 um 8:34 pm // Antwort

    Ich sage nur, lieber Junior, Hut ab! Gute Erholung, Gabor

  3. Toll gemacht und wer weiss evtl. bin ich 2018 auch mal am Start 😁

    • Härzlige Dangg!

      Ich kann natürlich eine Teilnahme nur empfehlen, bin da aber auf Grund der bisherigen Eindrücke und meiner generellen Zermatt-Liebe vielleicht nicht mehr ganz objektiv …

  4. Hallo Vloggy,
    ganz herzliche Glückwünsche zum vollbrachten Kampf (trotz Krampf) und zum Finish! Endlich konntest Du wieder einen langen Lauf bestreiten nach all Deinen Problemen. Und dass es (noch) keine Sub6 wurde, das ist doch erstmal zweitrangig. Angekommen, das zählt, und nun kannst Du die nächsten Ziele angehen!
    Liebe Grüße und gute Erholung
    Elke

    • Sali Elke

      Danke Dir! Ja, die Erholung werde ich nun natürlich ganz ernst nehmen – zumal das nächste Ziel bereits steht: Am 21. Oktober werde ich mir erstmals den Transruinaulta «gönnen». Und euch hier natürlich mit entsprechenden Berichten rund ums Training und den Lauf nicht verschonen …

      Liebe Gruess

      Vloggy

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