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Hyperaktive Neujahrskrisen im Schneematsch

Motivationscoaches gibt es wie Sand am Meer. Also nicht auch noch hier. Und deshalb ganz ehrlich: Was ist aus den Neujahrsvorsätzen 2017 geworden? Mehr Sport? Bessere Fitness? Robustere Gesundheit? Schon vergessen – nach rund einem Dutzend Tagen im neuen Jahr? Prima. Das sitzt, gell?! Kawumm!

Weshalb haben gerade in diesen Tagen on- und offline Themen rund um die bessere Fitness und mehr Sport Hochkonjunktur? In Foren, in der Flimmerkiste, in Werbeinseraten? Und warum nur scheitern denn soviele? Dabei böte sich der 1.1. eines Jahres doch geradezu an. Neues Jahr, neues Glück.

Und: In aller Regel muss der Laufsport hinhalten. Kostet kaum was – irgendwelche ausgelatschten Turnschuhe schlummern noch irgendwo im Schrank, die praktisch fabrikneue Fitnesshose vom Neujahrsvorsatz des Vorjahres liegt auch noch irgendwo in der Schublade. Das Resultat dürfte manch einem bekannt vorkommen: eine eiskalte Laufrunde auf «Teufel komm raus», ein hochroter Kopf, brennende Stirn und Muskeln. Und ein schmerzhaftes Kratzen in sämtlichen erdenklichen Atemwegen. Gefolgt von Husten. Tagelang. Schönes neues Jahr!

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Geduld ist gefragt: Wer als Neujahrsvorsatz neu mit dem Laufen beginnt, sollte sich den äusseren Gegebenheiten anpassen und auf keinen Fall überborden. (Foto: Armin Vogel/Flickr/CC)

Wer am 1. oder 2. Januar auf laufendes Volk trifft, verspürt unweigerlich dieses Gefühl von «Aha, Neujahrsvorsatz» – und will dem Gegenüber fast zwanghaft zublinzeln. Nach kurzem Mustern trennt sich die Spreu vom Weizen: Denn vorsätzliche Vorsatzläufer erkennt der Regelmässigläufer an den betont auffälligen Accessoires, an hyperaktiven und gleichsam krampfhaften Bewegungsmustern, am schamhaften Blick auf den Boden. Und am Tempo. Und man will ihnen zurufen: «Gemach, gemach!»

Dabei macht es einem die Umwelt wirklich nicht leicht. «15 Dinge, die Sie über Diäten wissen müssen», schreit die Programmvorschau eines deutschen Privatsenders heute Abend – und mit «hier bekommst Du die Antwort», teasert dessen Internetportal die Sendung zusätzlich an. Nein. Ich will keine Antwort. Nicht mal ansatzweise. Viel eher will ich, dass sowas aufhört. Diese Verallgemeinerungen. Und diese falschen Versprechungen. Die Jahr für Jahr zu Neujahrsvorsätzen führen, die dann in der überstürzten Umsetzung einen Frust provozieren, der lange anhält. Möglicherweise länger als bis zum nächsten Silvesterabend.

Abnehmen durch Sport? Fett verbrennen? Das muss ein Körper erst lernen. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Und auch das mit der Kondition – und ergo: der besseren Fitness mit erhöhtem Wohlfühlfaktor – folgt dem Prinzip des sukzessiven Aufbaus. Wie vieles im Leben. Doch die Foren, die Flimmerkisten und die Werbeinserate sind in diesen Tagen wieder voll von Verallgemeinerungen. Selbst eine über ein Jahr alte Studie, wonach Sport das Abnehmen nicht fördere (siehe mein Artikel «Schluss mit dem fetten Weisskittel-Ernährungsmythos» vom Januar 2016), wurde erst kürzlich in den sozialen Medien wieder aufgewärmt.

Darf ich das Wort «Bullshit» an dieser Stelle verewigen? Derartige Aussagen sind Wasser auf die Mühlen der Bewegungsverweigerer – und hinterher folgen Statistiken, wie übergewichtig und ungesund unsere Gesellschaft geworden sei. Und das kritisiert ausgerechnet einer, der selbst einen übergewichtigen «Body Mass Index» aufweist – dazu aber Marathons läuft und sich regelmässig im Fitnessstudio stärkt. Und sich im Gegenzug durch diesen sportlichen Ausgleich aber auch keine übermässigen Gedanken rund um die Ernährung macht – ausser, es geht direkt auf einen sportlichen Höhepunkt zu.

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Faszination Winter: Schnappschuss beim Basler Tinguely-Brunnen nach dem ersten Lauftrainings des Jahres am 2. Januar.

Motivationscoaches gibt es wie Sand am Meer. Auch ich kann Motivation. Und die heisst: Individualität leben! Meinereiner funktioniert gut mit Zielen:

  • sei es ein Wettkampf mit festem Termin,
  • sei es der Trainingsplan, der fix im Kalender eingeplant wird,
  • sei es das zwei Mal wöchentlich vereinbarte Personal Training im Fitnessstudio.

Ziele, die realistisch, aber gleichermassen auch fordernd sind. Gerade bei denen, die bereits jetzt, nach rund einem Dutzend Tagen im neuen Jahr, ihre Motivation zu mehr Bewegung wieder über Bord geworfen haben oder zumindest daran zweifeln, dürfte das ein hilfreicher Ansatz sein. Zu Beginn läuft nicht alles leicht von der Hand. Dann ist Geduld gefragt – vielleicht auch einen Gang zurückschalten. Allen Neujahrsvorsätze zum Trotz.

Bei mir stehen im Januar 2017 bereits knapp 40 Laufkilometer auf dem Tacho – und auch «nur» so viele, weil mich die berühmte Kombination «Magen/Darm» kurz ausser Gefecht gesetzt hat. Kommendes Wochenende stehen wieder «20+» im Plan. Nach allen Läufen in eisiger Kälte und auf Schneematsch: kein hochroter Kopf, keine brennende Stirn oder schmerzende Atemwege. Höchstens Glückshormone, die verrückt spielen.

Und, so von wegen Motivationscoach, ihr erinnert euch: Wenn ich das kann, kann das jeder. Ganz individuell. Schönes neues Jahr!

2 Kommentare zu Hyperaktive Neujahrskrisen im Schneematsch

  1. Genau! kann ich nur sagen 🙂

    Ein guter Vorsatz bringt nix, wenn ich nicht vorhabe auch die Zeit zu investieren. „Instant-Fitness“ funktioniert einfach nicht. Auch wenn von überall her suggeriert wird dann wir nur konsumieren brauchen – hier im persönlichen Wohlgefühl und in Fitness Themen heißt es einen „langen Atem“ zu haben.

    Dass etwas lange dauert ist nicht modern aber gerade über die Übung, über die Beständigkeit entwickelt sich etwas, das viel weiter geht als „schnell mal Joggen gehen“ und dann die Vorsätze wieder vergessen. Es entwickelt sich ein Lebensstil.

    Und in Deinen 3 Punkten zur Motivation findet sich: „fester Termin“, „fix im Kalender“ und „vereinbart“. Ja es geht um eine Vereinbarung mit sich selbst – wenn möglich eine lebenslange Vereinbarung sich selbst etwas gutes zu tun!

    Danke für den Artikel, 🙂
    Hans

1 Trackback / Pingback

  1. 10 Tipps für das Lauftraining im Winter – strohmRUN

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