Newsticker

Schluss mit dem fetten Weisskittel-Ernährungsmythos

Fettbauch. Schwabbelnde Haut. Dauerbrenner. Es hätte kein «Best of 2015» sein müssen, den uns der Facebook-Kanal der deutschen Tageszeitung «Die Welt» am 6.  Januar auftischte: «Durch Sport nehmen Übergewichtige kein Gramm ab», stand da zu lesen – wie es sich gehört mit einem semiappetitlichen Bild untermalt. Und noch besser: Der Kampf gegen Übergewicht durch Sport sei sogar ein gefährlicher Mythos.

facebook_welt_uebergewicht

Wumm! Das sitzt. Und wird natürlich wissenschaftlich gestützt. Experten! Den «gefährlichen Mythos» kreierten damals, im April 2015, nämlich der Kardiologe Aseem Malhotra, der Humanbiologe Tim Noakes und der Biochemiker Stephen Phinney in einem Kommentar des «British Journal of Sports Medicine». Fairerweise ist anzufügen, dass die Wissenschafter schon bald virtuelle Haue bekamen, wie die zahlreiche Replik – nicht wenige Antworten von Berufskollegen – zeigt.

«Übergewichtige Menschen müssen kein bisschen Sport machen, um abzunehmen, sie müssen einfach weniger essen», gab Malhotra in einem Interview zu Protokoll. «Mir macht Sorgen, dass der Öffentlichkeit die Botschaft nahegelegt wird, man könne essen, was man wolle, solange man Sport macht. Das ist unwissenschaftlich und falsch. Man kann einer schlechten Ernährung nicht davonlaufen.»

Das ist Schwachsinn – und stimmt zugleich. Natürlich sind schlechter Ernährung gewisse Grenzen gesetzt, aber ich lasse mich gerne als wissenschaftlichen Probanden dokumentieren, wenn es darum geht, dass Sport (in meinem Fall das Laufen) automatisch zu einem Ausgleich führt. Seit Jahren scheint in meinem Körper eine biologische Gewichtsschranke eingebaut zu sein – egal, wieviel Herbstmesse- und Weihnachtsleckereien der Kalender in geballter Ladung mit sich bringt. Und ganz unter uns: Ich kann das Gestöhne von wegen guter und schlechter Ernährung fast nicht mehr hören. Kohlehydrate? Eiweiss? Fett? Was ist gut, was schlecht?

Die Antwort ist einfach: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Jeder Körper reagiert anders. Genau wie beim Training: Hört auf mit verallgemeinernden Herzfrequenzzahlen, wenn es darum geht, ein Training als gut oder schlecht, als effizient oder kontraproduktiv zu qualifizieren. Natürlich muss der Körper einmal im Leben das Thema Fettverbrennung aktiv umgesetzt haben, natürlich purzeln die Pfunde nicht nach den ersten qualvollen 400 Metern. Aber ungewohnte Bewegung jenseits der herkömmlichen Komfortzone bringt in jedem Fall etwas – und darf auch ein feines Dessert als Belohnung nach sich ziehen.

Immer dann, wenn es um den nach wie vor vorhandenen Fettbauch und dessen schwabbelnde Haut geht, blicke ich gerne in die Vergangenheit: Im Frühling 2002 war es, als ich mit über 40 Kilogramm mehr als heute mit Laufsport begann. Notabene wenige Tage, nachdem mir ein Naturheilpraktiker mittels Bioresonanz eine massive Allergie auf Kuhmilcheiweiss (nicht zu verwechseln mit Laktoseintoleranz, da bin ich eitel, da will ich mein eigenes Problemchen …) attestiert hatte. Die Reaktion: Ich vermied Kuhlmilch in jeglicher Form, pfiff auch weiterhin auf irgendwelche Diäten – und verspürte in der Folge grossen Bewegungsdrang. «Gesundheitlich grob fahrlässig», hätte jeder Weisskittel geschrien, der mich damals beim Schnüren der Laufschuhe ertappt hätte.

Das Resultat: kurze Läufe, längere Läufe, Marathons. Bis heute habe ich mich – seit jener Diagnose – durch keine einzige Diät vom Weg abbringen und demotivieren lassen. Nein, ich futtere weiter. Gesundes und Ungesundes. Und treibe Sport.

«Die Wissenschaft lehrt uns, dass die Annahme, Kalorie sei gleich Kalorie, irreführend und falsch ist», sagen die Studierten. «Kalorien aus Zucker führen zur Speicherung von Fett und machen hungrig. Kalorien aus Fett sättigen.» Eine fettreiche, kohlehydratarme Ernährung sei daher auf Dauer gesünder. Verdammt, nein: Genau diese Verallgemeinerungen sind die wahren Mythen, die längst beseitigt gehören!

 


Quelle Vorschaubild Artikel:
m4tik/Flickr/CC

3 Kommentare zu Schluss mit dem fetten Weisskittel-Ernährungsmythos

  1. Yep … Jede Situation ist anders und jede Verallgemeinerung ein Irrweg. Nur weil die eine Theorie zu einem Thema passt ist sie kein Gesetz für alles.

    Zu lernen gilt: Wieder auf den Körper hören und der sagt dann schon ob Fett oder Zucker 🙂

    • Genau, Hans, eine perfekte Ergänzung von Dir: auf den Körper hören! Nur setzt es halt voraus, dass man auch ehrlich zu sich ist. Und genau dies ist nicht immer bequem.

  2. Oh ja, solche Artikel gehen mir auch mächtig auf den Zeiger! Demnächst werde ich auch was zum Thema „Abnehmen“ schreiben, und glaub mir, da wird Sport drin vorkommen. 😉

1 Trackback / Pingback

  1. Neujahrs-Bullshit im Schneematsch – strohmRUN

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: