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Der ganz normale Marathon-Verbalkrieg

Ironie hat ein grosses Problem: Sie wird nicht immer verstanden. Erst recht nicht in gedruckter Form. Aktuelles Beispiel: ein Artikel der «Huffington Post». Ja, ich habe für einmal auf dieses sensationsgeile Portal draufgeklickt, denn die Wogen in den Kommentarspalten und sozialen Netzwerken gehen hoch zu einem Thema, das mich natürlich brennend interessiert. Marathon!

«Wie frech seid ihr eigentlich, meine ganze Stadt für euren dummen Ego-Quatsch lahmzulegen», fragt der Autor Sebastian Christ in seinem Artikel die Läufergilde. Als «seine» Stadt bezeichnet er Berlin. Der aktuelle Anlass ist gegeben: «Die jährlich stattfindende Matchbox-Olympiade für alle, denen das Schicksal keine Profisportkarriere vergönnt hat», schreibt er.

Nun will ich natürlich nicht klugscheisserisch wirken, aber als Olympiade wird nicht ein Zeitpunkt, sondern eine Zeitspanne bezeichnet. Egal. Ansonsten liest sich der Text höchst amüsant. «Ihr wollt hechelnd an der Siegessäule vorbeilaufen. Am Ku’damm nach Luft japsen. Und vor dem Brandenburger Tor zusammenbrechen. Ihr findet euch geil dabei, euren privaten Kampf gegen den inneren Schweinehund (andere würden sagen: den Vernichtungskrieg gegen den eigenen Körper) inmitten einer Weltstadt auszutragen. Drunter macht ihr es nicht.»

Und seither tobt er, der verbale Krieg zwischen empörten Marathon-Fanatikern und kleinkarierten Spassverächtern und Gegnern von derartigen Mammutveranstaltungen. Grundsätzlich ist der Ärger, eine Stadt stundenlang lahmzulegen, aus Sicht von Unbeteiligten verständlich. Christ wünscht sich sämtliche Marathonläufe, auf einen einfachen Nenner gebracht, in die Pampa. Dort werde der Anlass aber nie stattfinden, weil höchstens Oma Katinka und Opa Juri am Strassenrand stehen würden. «Und spätestens jetzt begriff ich, worum es beim Berlin-Marathon eigentlich ging: um das Gesehenwerden», beendet der Autor einen Abschnitt, der mir aus dem Herzen spricht.

«Und dann die Medaillen. Wer hat sich eigentlich diesen Quatsch ausgedacht?», fragt er nämlich. «Ich dachte, es ging gegen den Kampf gegen die Uhr, um den Beweis des eigenen Willens oder einfach um einen schönen Vormittag bei heiter bis wolkigem Wetter.» Bis in den späten Abend hinein sei Berlin voller Medaillenträger gewesen. «Das Heldenmal baumelte auf Trainingsjacken, wurde geschickt zwischen den Reissverschlussseiten einer geöffneten Strickjacke platziert oder lag abends in der Kneipe auch einfach nur auf dem Tisch.»

Köstlich. Genau für diese Zeilen würde ich, der Marathon-Medaillen-Verächter, Christ in den Arm nehmen, knuddeln und vielleicht mal gemeinsam einen kleinen Lauf bestreiten. Nötig hätte er es ja – das gibt er nämlich selbst zu: «Wir werden uns also dran gewöhnen müssen. Denn auch im nächsten Jahr werden die Bananenschalen und Geltütchen wieder Zeugnis ablegen für Hedonismus und Selbstoptimierungswahn. Und auch nächstes Jahr werden wir anderen uns wieder still fragen müssen: Sollten wir uns vielleicht auch mal mehr bewegen? Danke dafür …»

Die (Selbst-)Ironie funkelt zwischen den Zeilen. Nur leider missverstanden. Denn der verbale Krieg zwischen empörten Marathon-Fanatikern und kleinkarierten Spassverächtern tobt derweil weiter. Wochenende für Wochenende. Irgendwo in einer anderen Stadt auf dieser Welt.

 


Quelle Vorschaubild Artikel:
akiwitz/Flickr/CC

4 Kommentare zu Der ganz normale Marathon-Verbalkrieg

  1. Elke's Runningblog // 29. September 2015 um 2:08 pm // Antwort

    Hoi Vloggy,
    jetzt hast Du es geschafft, das ich mich zum Artikel dieses Spaß-Neiders geklickt habe. Man, welche Laus ist DEM denn über die Leber gelaufen? Soll er sich doch selber an den Wannsee legen, solange der Lauf ist. Oder er soll mal zum Karneval nach Köln kommen, wenn hier das normale Leben gleich tagelang durch Zugereiste lahmgelegt wird, so dass man selber nur noch flüchten kann.
    Hat der keine anderen Sorgen?
    Freuen wir uns auf München, wenn wir gern verschwitzt und wohl auch ein ganz klein wenig leidend, aber dafür dennoch sicherlich mit viel Freude unsere Nicht-Profi-Lauf-Karriere fortsetzen 🙂
    Liebe Grüße
    Elke

    • Sali Elke

      Also mir gefällt der Artikel irgendwie, sollte er denn auch wirklich ironisch gemeint sein. Er überzeichnet gewisse Auswüchse dieser Massenveranstaltungen ja wunderbar. Auch ich konnte mir beispielsweise vor zwei Jahren das Lachen nicht verkneifen, als am Morgen nach dem Köln-Marathon eine ganze Horde Läuferinnen und Läufer mit Medaillen um den Hals zum Frühstückbuffet im Hotel erschienen sind.

      Wie dem auch sei: WIR sind ja ohnehin komplett anders!

      Liebe Gruess und guten Vorbereitungs-Endspurt

      Vloggy

  2. Interessant. Das beweist wieder einmal die Kommunikationstheorie, wie unterschiedlich doch ein Text aufgefasst werden kann, wenn die Betonung der gesprochenen Sprache fehlt. Bei mir kommt das nur ätzend an, Satire wäre anders.
    Aber am nächsten Tag mit Metall um den Hals herumlaufen, nee, das bringe ich allerdings nicht. Als im Flieger auf dem Rückflug vom Wien-Marathon jemand mit Medaille auf der Brust neben uns saß, fand ich das auch, ähm, nicht mein Ding.
    LG
    Elke

    • Nun, ich weiss es ja auch nicht. Für mich aber ein Beweis, dass eben Ironie schriftlich nur in den seltensten Fällen funktioniert – ausser bei mir natürlich …

      Liebe Gruess

      Vloggy

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