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«Super Green» – oder: Selbstversuch eines Frauenverstehers

Kein Trainingsbericht, sondern vielmehr ein Dokument für die Nachwelt. Eine Art Absicherung, die die Spurensuche dereinst erleichtern soll, sollte irgendwas schiefgehen. Eine Absicherung, die Erklärungen liefert. Erklärungen für einen Selbstversuch der besonderen Art. Ein Selbstversuch eines Frauenverstehers.

Die Argumente sind erschlagend: Rosi* ist dabei. Vreni ist dabei. Sabine? Längst dabei. Christine? Natürlich. Die Namensliste, die meine Gattin aufzählt, wird immer länger. Und seit ein paar Tagen ist auch sie dabei.

Ob ich «Super Green» kenne, will sie gestern wissen. Sei gut. Sei gesund. «Sicher so ein Frauenzeugs fürs rasche Schlankerwerden», denke ich mir spontan. Und siehe da: Übergewicht gehört laut Prospekt zu jenen Zivilisationskrankheiten, die in einem gesunden Körper gar nicht erst entstehen könnten. Heisst es. Und weiter: Migräne, Cellulite, brüchige Haare … «pfffft», denke ich mir – typisch Frau.

Seit ein paar Minuten habe ich die erste Portion «Super Green» (ein halber Liter Wasser mit einem halben Löffel des gemäss Deklaration lediglich aus Maltodextrin, Chlorophyll und Vitamin B3 bestehenden Pulvers) intus. Deshalb dieses Dokument für die Nachwelt. Einfach für den Fall der Fälle – sollte irgendwas schiefgehen. Noch verspüre ich keine Nebenwirkungen. Kein nervöses Zucken der Gesichtsmuskulatur. Keine Gleichgewichtsstörungen. Ja, selbst das Tippen auf der Computer-Tastatur klappt wie gewo oo o hnt … keine Sorge, nur ein kleiner und ebenso plumper Gag.

Natürlich ist «Super Green», auch unter dem Namen «Super Chlorophyll» bekannt, ein Produkt, das irgendwelchen Herstellern prima die Kasse füllt. Geldmache? Auf den ersten Blick schon. Und trotzdem. Ganz unlogisch tönt die Argumentationskette aber nicht: Gesundes Blut sei Basis für gesunde Organe und gesunde Körperfunktionen. Die grüne Pflanze sollte ein wichtiger Bestandteil unserer Ernährung sein, ist es – nicht zuletzt mit Blick auf die Einkaufskörbe der vergangenen Tage – aber in der Praxis längst nicht mehr. Den Aussagen des Pulvermischers ist in der Tat schwer zu widersprechen.

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Chlorophyll: Was einem Marienkäfer recht ist, kann mir nur billig sein. (Foto: Anderson Mancini/Flickr/CC)

Da Cellulite und brüchige Haare nicht mein primäres Feindbild darstellen, suche ich nach anderen Killer-Features des Pulverdöschens. Und siehe da: Aus Läuferoptik lesen sich die durch Chlorophyll erhöhte Sauerstoffkonzentration im Körper, die gestärkte Herzfunktion sowie die Eliminierung von bakteriellen Infektionen natürlich interessant. Eine Glaubensfrage ist das übrigens nicht: Der deutsche Chemiker Hans Fischer fand nämlich heraus, dass die chemische Zusammensetzung von Chlorophyll mit dem körpereigenen roten Blutfarbstoff Hämoglobin fast identisch ist. Zudem bewies der Nobelpreisträger von 1930, dass Chlorophyll genauso blutbildend wirke wie Eisen.

Zufuhr von Maltodextrin und mehr Sauerstoff im Körper? Ich fliege ab heute wohl der neuen persönlichen Marathon-Bestzeit entgegen. «Trägt zur Reduzierung von Müdigkeit und Erschöpfung bei», heisst es. Und: «Trägt zu einer normalen Freisetzung von Energie im Körper bei.» Wird morgen beim sonntäglichen Longjog über 26 Kilometer natürlich genauestens beobachtet.

Susi träufle «Super Green» übrigens über den Salat, sagt meine Frau – und gerät dabei selbst ins Schmunzeln. Was zu weit geht, geht zu weit, kommentieren wir praktisch synchron. Ich will ja nicht am Sauerstoff ersticken, denke ich mir.

Im Falle einer zu sensationellen neuen Marathon-Bestleistung in München, muss ich mir keine Gedanken machen: Doping relevante Substanzen solle «Super Green» laut Hersteller nicht aufweisen. Scheint mir auch das geringere Risiko, nachdem ich beim Online-Gesundheitsportal «Onmeda» die Nebenwirkungen gesehen habe: In Einzelfällen könne bei der Einnahme von Chlorophyll eine unbedenkliche Grünfärbung des Stuhls auftreten. Das sind die wirklich wahren Gefahren im Leben eines Langstreckenläufers …

* Alle im Artikel vorkommenden Namen sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes natürlich frei erfunden, aber wahrscheinlich sind eh alle Frauen längst dabei – nur wir Männer hinken dem Trend wieder einmal total hinterher.

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