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Zermatt-Marathon: Daten, Fakten, Lächeln

Offizielle Ranglisten lassen nicht mit sich spassen. Da stehen Namen und Zahlen. Schwarz auf weiss. Daten, Fakten, Punkt. Auch gestern beim Zermatt-Marathon. Und dieses Verdikt ist klar: 2:36.03,1 – so lautet meine offizielle Zeit. Natürlich nicht für 42,195 Kilometer und 1944 Höhenmeter bis ins Ziel, sonst wäre ich mit grossem Vorsprung sogar Sieger der offiziellen Berglauf-Langdistanz-Weltmeisterschaft geworden. Nein. «Zermatt» steht als Zusatz in der offiziellen Rangliste – was ausgedeutscht soviel bedeutet wie: Abbruch bei Rennhälfte.

Es ist kurz nach halb Zwölf, als ich durch die Bahnhofstrasse in Richtung Kirchplatz renne. Die Füsse sind locker, längst habe ich meinen persönlichen Entscheid gefällt. Von weitem entdecke ich meine Frau und signalisiere mit Handzeichen: Keine Hektik bei der Cola-Übergabe, es ist Schluss.

Okay, okay, okay: Irgendwo im Hinterkopf war da in den vergangenen Tagen ja schon die Idee, den Lauf zum zweiten Mal nach 2014 zu «finishen», wie es in der Läufersprache so schön heisst. Auch noch um 8:55 Uhr, als für die allgemeine Läufermasse in St. Niklaus der verspätete Startschuss zum 14. Zermatt-Marathon fällt. Doch realistisch war das natürlich zu keinem Zeitpunkt: Nach verletzungsbedingter Pause von fast einem halben Jahr stieg ich bekanntlich erst Mitte Mai wieder in einen geregelten Trainingsbetrieb ein.

«Einfach geniessen. Wir sind erst im Aufbau», mahnt der Coach vor dem Startschuss über «WhatsApp». «Weiss ich doch», denke ich mir, «aber vielleicht …»

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Kirchplatz statt Riffelberg: Mein ganz persönlicher Zieleinlauf. (Foto: Isa Wyss)

Gut zweieinhalb Stunden später greife ich genüsslich nach der Cola-Flasche, die mir meine Frau ohne Hektik aus dem Rucksack holt. Dehne auf dem Kirchplatz meine Muskulatur. «Ich bin ja erst im Aufbau», lächle ich vor mich hin.

Trotzdem war da in den vergangenen Tagen und Wochen dieses Ringen zwischen Vernunft und Trieb. Treue Blogleserinnen und -leser erinnern sich: Es war eine Verkettung blöder und saublöder Umstände, die überhaupt zu diesem Matterhorn-Dilemma geführt hatten. Eine Art Zermatter Teufelskreis, der sich an diesem Wochenende wieder geschlossen hat.

Denn just am Fusse des Matterhorns hatte sich im August des vergangenen Jahres mein Aterom entzündet und nach einem chirurgischen Geschnippsel am Bauch für einige Wochen den Trainingsplan gehörig durcheinander gewirbelt. Und jenes Ding (umgangssprachlich: «Grützbeutel») lenkte damals von der Tatsache ab, dass in jener Zeit in der rechten Gesässbacke tiefenmuskulär längst ein Problem am Heranreifen war: das Piriformis-Syndrom, das mich bekanntlich bis heute begleitet. Dann der Zehenbruch – und die erneute Trainingspause bis Ende April.

Mit dieser Grundlage 42,195 Kilometer und 1944 Höhenmeter bewältigen? Nein, natürlich nicht. Und trotzdem musste ich mir die Option rein mental offenhalten. Mit dem Rennabbruch als Ziel an den Start gehen, das hätte bei mir nicht funktioniert. Nachträglich Fragen wie «Hätte ich doch …» oder «Was, wenn ich …» beantworten? Keine Lust. Und trotzdem ist da einige Tage vor dem Lauf sogar der Zweifel: Soll ich unter diesen Umständen überhaupt starten?

Die Antwort: Ja. Denn noch grauenhafter ist, das festliche Drumherum in Zermatt tatenlos mitzuerleben – und dann eben «Hätte ich doch …» und «Was, wenn ich …» durch den Kopf schiessen zu lassen.

Und so geniesse ich gestern Vormittag (fast) jeden Kilometer. Vor der ersten Verpflegungsstelle in Herbriggen streiten zwei jüngere Läufer neben mir, wessen Uhr die korrekteren Daten ausspucke. «6:15 Minuten», sagt der eine – «ich habe 7 Minuten», entgegnet der Laufpartner, «aber wir können ja jemanden fragen». «7 Minuten», rufe ich ungefragt rüber – wohlwissend, dass damit die Durchschnittgeschwindigkeit gemeint sein dürfte. «Ist es in Ordnung, wenn wir bei Dir bleiben», fragt nun einer der beiden, «Du hast hier ja Erfahrung» – und zeigt mit der Hand auf mein Finisher-Shirt des Vorjahres.

«Kein Problem», erwidere ich, «weiss aber nicht, wie weit ich heute mitlaufen werden.» Die Geschichte von Grützbeutel, Arschmuskel und Anpralltrauma im Zehengelenk erspare ich ihnen aber. Nehme am Verpflegungsposten einen Becher Iso-Getränk und drücke mir einen Schwamm in den Nacken.

Im giftigen Aufstieg nach Randa verliere ich den Anschluss. Während die Jungspunde weitertraben, schalte ich einen Gang zurück und marschiere. Ein erstes Mal zolle ich der konstant steigenden Temperatur Tribut, befinde mich aber in grosser Gesellschaft. Ich nehme es als Geschenk, dass ich überhaupt hier bin: Noch Ende April war der Zermatt-Marathon komplett abgeschrieben, an ein wettkampfmässiges Laufen nicht zu denken – unabhängig von Temperatur und Topographie.

Zwischen Randa und Täsch, also zwischen Kilometer 10 und 15, wird die Strecke merklich flacher. Und es folgt ausgerechnet auf diesem eigentlich angenehmsten Abschnitt eine Trilogie, die mir den Entscheid für den Zermatter Kirchplatz erleichterten soll: Ein erstes Mal meldet sich der Piriformis-Muskel, drückt etwas auf den Nerv. Und gepaart mit der starken Hitze muss ich mir eingestehen, dass sich offenbar auch ein konditionelles Defizit spürbar macht. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits zirka 400 Höhenmeter in den Beinen.

«Wie weit ich mitlaufe, weiss ich nicht. Bis Täsch, 15 Kilometer, wäre schon schön. Zermatt, Halbmarathondistanz, aus der Sicht von vor ein paar Wochen regelrecht ein Traum.» Sätze meines Blogeintrags vom 13. Juni schiessen mir durch den Kopf. Das tönt so ein bisschen nach Entschuldigung. Nach Ausreden.

Was folgt ist neuerliches Geniessen. Und der ganz persönliche Zieleinlauf auf dem Kirchplatz des Matterhorn-Dorfes. Erhobenen Hauptes. Ohne Entschuldigung. Ohne Ausreden. Dafür mit einem Lächeln im Gesicht.

Ein Lächeln, das auch signalisieren soll: Alles nach Plan. Oder wie es neudeutsch so schön heisst: «There’s more to come …»

2 Kommentare zu Zermatt-Marathon: Daten, Fakten, Lächeln

  1. Elke's Runningblog // 6. Juli 2015 um 8:26 am // Antwort

    Hoi Vloggy,
    kein Grund zum jammern! Ganz im ernst, eine tolle Leistung nach eben Deiner Vorgeschichte der letzten Monate! Ich glaube, das ist Dir sicherlich innerlich auch in irgendeiner kleinen Ecke bewusst. Dass der ganze Lauf völlig illusorisch war, steht außer Diskussion. Aber wenn Dir einer gesagt hätte, Du läufst einen Halbmarathon mit solchem Profil, da hättest Du auch Respekt gehabt, und den hast Du gefinisht!
    Ganz herzliche Glückwünsche und lass es weiter sorgsam angehen, damit die nächsten Läufe auch gut werden!
    Liebe Grüße
    Elke

    • Sali Elke

      Vielen Dank! Ja, es war natürlich der richtige Entscheid. Und beim gestrigen gemütlichen Wandern (ohne Muskelkater – sic!) hatte ich bereits wieder Musse, die nächsten Pläne zu schmieden …

      Liebe Gruess

      Vloggy

1 Trackback / Pingback

  1. München-Marathon: O’zapft is! | strohmRUN

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