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Apple Watch Sport: Jubelpose ohne Kampfansage

Eigentlich alles wie erwartet: Die ganz grosse Überraschung blieb beim gestrigen Apple-Event an historischer Stätte in Cupertino aus – und dennoch bot der Anlass einmal mehr grosses Kino. Zumindest für eingefleischte Fans. Aber selbst als sogenannter Apple-Jünger beschleicht einen in jenem Moment ein ziemlich mulmiges Gefühl, als Firmenchef Tim Cook mit leicht zittriger Stimme und möglicherweise einem Tränchen der Rührung in den Augen «One more thing» ankündigt, sich das Publikum nach dem Film-Trailer für die Apple Watch gröhlend von den Stühlen erhebt und Cook seinerseits die Fäuste in ziemlich steifer Siegerpose in die Höhe reckt. Sieht so überbordende Euphorie aus, als Nachfolger des verstorbenen Firmengründers Steve Jobs endlich den langersehnten Coup gelandet zu haben?

Ja, genau diese Uhr (die Watch wurde es, nicht die iWatch) hat auch mich weitaus mehr interessiert als das nächste iPhone-Modell (jenes wird natürlich noch dünner, noch schneller und neuerdings noch grösser) – nicht primär aus der Sicht als Gadget-Freak, sondern als Läufer. Apple schreibt sich bekanntlich die Themen Gesundheit und Fitness gross auf die Fahne, ja, sie werden an jenem Abend gar zur Chefsache erklärt. Sollte es dem Computerriesen, dessen Aktie zuletzt in neue Rekordsphären emporstieg, also gelingen, mit einem einzigen Wurf das Beste aller bisheriger Fitness- und Trainingsgadgets in einem einzigen Gerät mit dem Apfel-Logo zu vereinen? Die Antwort: Sorry, Tim, nein! Zwar wird alleine die Sport-Version der Apple Watch in nicht weniger als zehn Ausführungen ab 2015 erhältlich sein – aber wirkliche Killer-Features im Bereich Fitness weist sie nicht auf.

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Die Apple Watch punktet natürlich dadurch, dass sie als Smartwatch im Vergleich zu herkömmlichen Sportuhren über eine starke grafische Oberfläche verfügt. (Foto: Apple)

Zugegeben: Die Uhr sieht für eine sogenannte Smartwatch vergleichsweise cool aus, kommt bei der Herzfrequenz-Messung (wie zuletzt auch das neuste Modell von TomTom) dank technischer Raffinesse ohne Brustgurt aus und bringt klassische Fitnesstracker (wie Bewegungsmesser, Schrittzähler oder Treppensteig-Protokoll) auf die Uhr. Vor dem Lauf (oder auch für eine ganze Trainingsperiode) können Ziele definiert werden, während der Aktivität werden dann (zumindest grafisch ansprechend) Geschwindigkeit, Distanz, Dauer und eben die Herzfrequenz angezeigt. Weitere Details, wie beispielsweise die Höhenmessung, fehlen während des Trainings; erst nach Beendigung der Einheit werden sie im Protokoll ausgespuckt.

In einer Oberfläche notabene getreu dem Motto «Alles so schön bunt hier». Fraglich, ob ambitionierte Hobbysportler, die schon heute ihre Daten aufzeichnen und entsprechend eine Historie auf Plattformen wie Garmin Connect, Runkeeper, Polar Personal Trainer oder Nike+ Coach aufweisen, alleine mit diesem Kriterium zu einem Wechsel bewegt werden können.

Apple

Die Auswertung der Aktivitäten folgt dem Motto «Alles so schön bunt hier». (Foto: Apple)

Auch während einer Aktivität erfolgt der Wechsel der Bildschirmanzeige (also Geschwindigkeit, Distanz, Dauer) über die klassische Wischbewegung. Und genau dieses Feature provoziert das nächste Fragezeichen: Wie zuverlässig ist ein Touch-Display während eines Longjoggs mit schwitzigen Fingern bedienbar? Wer dies jedenfalls schon einmal auf einem iPhone-Display mit Schweisstropfen versucht hat, dürfte zumindest Zweifel hegen. Und: Fast beiläufig wird erwähnt, dass ebenjenes iPhone bei der Aktivität mitgetragen werden muss, sonst geht gar nichts.

Apple Watch Sport

Die Bildschirmanzeige lässt sich mit einer Wischbewegung verändern. Schwitzige Finger sind dabei nicht eben vorteilhaft. (Foto: Apple)

Apple, so verkündet der Werbespot vollmundig, will die Fitnesswelt verändern, den Leuten ein besseres und gesünderes Leben ermöglichen. Das ist grundsätzlich natürlich löblich und könnte angesichts des optisch durchaus reizvoll ausgefallenen Gadgets – das natürlich auch ausserhalb der Fitnesswelt mit etlichen spannenden, aber auch rein spielerischen Eigenschaften aufwartet – auch funktionieren.

Klassischen Anbietern von Sportuhren wie Garmin oder Polar hätte die Apple Watch Sport im Einsteigersegment grundsätzlich Kunden streitig machen können; der Preis von 349 US-Dollar lässt jedoch für hiesige Gefilde nichts Gutes erahnen. Kommt hinzu, dass gerade in diesem Segment die Begeisterung für das nette Apple-Spielzeug analog zu den derzeit gehypten Fitnesstrackern rasch abkühlen dürfte. Und für all diejenigen Sportlerinnen und Sportler, die ohnehin detaillierter und ambitionierter unterwegs sind, ist Cook keine echte Kampfansage gelungen. Trotz Jubelpose.

Apple Watch

Zugegeben: Durch die zahlreichen Individualisierungsmöglichkeiten sieht die Apple Watch für eine Computeruhr ziemlich gelungen aus. Erhältlich wird sie aber erst ab Anfang 2015 sein. (Foto: Apple)

Ein Kommentar zu Apple Watch Sport: Jubelpose ohne Kampfansage

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  1. Apple Watch: «Just amazing» ohne Euphorie | strohmRUN

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