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Oberwalliser Praxistipp rettet Trainingsgenuss

Strassentafeln enthalten in aller Regel sehr nützliche Informationen. Voraussetzung: Man kann diese richtig deuten. So hängen in diesen Wochen in St. Niklaus im Walliser Mattertal diverse Hinweisschilder darauf, dass am Blattbach Bauarbeiten im Gang sind und entsprechend die Durchfahrt nicht möglich ist.

Keine Ahnung, wo dieser Blattbach ist. Und ohnehin: Durchfahrt gesperrt? Kein Problem für mein Vorhaben, die erste Hälfte des Zermatt-Marathons von ebendiesem St. Niklaus nach Zermatt nochmals trainingshalber zu bestreiten – schliesslich bin ich ja an diesem Samstagmorgen nicht fahrend, sondern laufenderweise unterwegs.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht nach knapp drei Laufkilometern (die Frage nach dem Wo des Blattbachs ist in diesem Moment beantwortet) einen Bagger mitten auf der Strasse, umrahmt von einer kreisförmigen, rot umrandeten «Fussgänger verboten»-Tafel und – als ob dies nicht schon genügend Argumente für einen sofortigen Laufstopp wären – einen riesigen Erdwall vor einem tiefen Graben. Und um die bildliche Dimension zu verstärken: Das Tal ist hier eng, sehr eng, ein einfaches Umlaufen oder Ausweichen auf Nebenwege ist leichter gedacht als getan.

Weil aber die Optionen Trainingslauf abbrechen oder ein Zurücklaufen zum Ausgangsort, um ennet der Mattervispa auf die gut befahrene Hauptstrasse auf der gegenüberliegenden Talseite zu gelangen, in mir nicht den kleinsten Funken Begeisterung zünden können, bleibt nur noch ein Problemlösungsansatz: «Guten Morgen», rufe ich dem eben passierten Bauern lautstark zu, um seine Mähmaschine übertönen zu können. «Wie komme ich am besten weiter in Richtung Herbriggen?» «Ganz einfach hier oben dem Zuggeleise entlang», antwortet er in sympathischem Walliserdeutsch hilfsbereit – streut standesgemäss «embrüf» und «embri» ein, um zu beschreiben, wie die Baustelle auf kürzestem Weg umlaufen werden kann.

Zahnrad Matterhorn Gotthard Bahn (MGB)

Auf der Strecke zwischen Visp und Zermatt greift die Matterhorn-Gotthard-Bahn immer wieder abschnittsweise auf Zahnräder zurück – so auch kurz nach St. Niklaus in Richtung Zermatt. (Foto: Kecko/CC/Flickr)

«Dem Zuggeleise entlang», wiederhole ich überrascht – und frage im selben Atemzug mit einem Augenzwinkern: «Darf man das?» Zeitgleich entlarven wir die Frage als rein rhetorischer Natur, lächeln uns an – und er zeigt mit dem Finger auf den Zaun, der etwas weiter oben sein Land vom Trassee der Matterhorn-Gotthard-Bahn trennt, und jene Aussparung darin, die darauf schliessen lässt, dass mein Abstecher in Richtung Schienen heute wohl keinem Jungfernlauf gleichkommt.

Weil an jener Stelle ein herannahender Zug ohnehin mit Zahnradeinsatz in sehr gemässigtem Tempo fahren würde und die Breite des Trassees sogar Spatzung zum Rennen lässt, rufe ich ihm flux ein «Dankeschön» hinterher, bestreite die folgenden 200 Meter zugegebenermassen schon mit etwas mulmigem Gefühl, bevor der von ihm beschriebene Weg hinter der Baugrube von den Geleisen «embri» zurück auf die Strasse führt.

Wieder auf offiziellem Laufgelände genehmige ich mir einen Schluck aus der Trinkflasche – auf meinen Mut, vor allem aber auf den gleichermassen praxisorientierten und kreativen Problemlösungsprozess im Oberwallis.

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  1. Zermatt-Marathon: Radiergummi als Motivationsspritze | strohmRUN

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