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Herzfrequenz: Der trügerische Trainingsplaner

Besondere Momente verdienen besondere Erwähnung. Gestern war wieder so ein Moment: Ich habe mein 15-km-Training, den zweiten Aufgalopp nach der Zermatt-Marathon-Regeneration, mit einem Brustgurt absolviert, der nicht nur mitunter etwas störend wirkt, sondern auch – das ist die an und für sich praktische Seite – die Herzfrequenz (HF) misst. Tue ich sonst eigentlich nie, deshalb die besondere Erwähnung.

Rausgekommen ist laut Garmin Connect das:

Herzfrequenz Kurve

Wie ich das interpretieren soll? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Und genau deshalb entstand schon während des Laufs das starke Verlangen, dies schriftlich festzuhalten – und punkto HF-Messung mit einem weitverbreiteten Irrglauben aufzuräumen: Die nackte Zahl sagt nämlich nichts, aber auch gar nichts über die Qualität des Trainings und schon gar nicht über den Fitnesszustand des Trainierenden aus.

«Mit welcher Herzfrequenz trainierst Du», werde ich hin und wieder gefragt. «Was nützt Dir diese Information», denke ich jeweils spontan – verpacke die Antwort aber selbstredend in eine nettere Formulierung.

Herz Frequenz Wolken

Besondere Wolkenkonstellation – eventuell auf einem Longjogg? (Foto: Andreas/CC/Flickr)

Alle Hersteller von HF-Messgeräten werben mit den vielfältigen Auswertungsmöglichkeiten, die den Trainingseffekt verbessern sollen. Auch meine Garmin Forerunner 910XT kann logischerweise bereits während der Aktivität den Schlag meines Körpermotors messen, verschiedenste Durchschnitte anzeigen und Kurven malen – Bereiche, wie lange ich mich in welchen Stufen bewegt habe, ausspucken. Einordnen? Nein, einordnen kann ich diese Datenflut nicht.

Zwar weiss ich von früheren Laktattests (nach FACT-Methode), dass mein sogenannter Laktat-Balance-Punkt bei 163 Schlägen pro Minute (bpm) liegt. Nein, lag. Das wurde nämlich letztmals vor mindestens acht Jahren gemessen. Mit dem damaligen Wissensstand war das gestrige Training mit einem Schnitt von 140 bpm gut für den Ausdauerbereich. In der Theorie. Trotzdem zeigt mir Garmin Connect einen Trainingseffekt von 4,7 an – was bedeuten würde, dass die Schwelle von «stark verbessernd» zu «überlasten» knapp überschritten wurde. Auch eine Theorie.

Fakt ist, dass weder ich noch meine Uhr Bescheid wissen. Gerade für den Hobbysportler ist es nämlich viel effizienter, auf das aus der sogenannten Borg-Skala abgeleitete Modell der fünf Belastungsstufen abzustellen:

  1. regenerativ, sehr locker
  2. langsam, locker
  3. mittel
  4. schnell, hart
  5. Intervall, sehr hart

Ich war gestern zwischen zwei und drei – Tendenz mehr zu drei – unterwegs.

Die Geräte-Hersteller verteidigen ihre vermeintlich hochwissenschaftlichen Werte natürlich damit, dass die dahintersteckenden Formeln auf einen Grossteil der Bevölkerung zutreffen würden. Ein Grossteil ist aber aus meiner Sicht zu wenig. Oder wer würde als Nichtschwimmer ins Wasser gehen, nur weil 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung schwimmen können?

Ganz so dramatisch endet ein falscher Einsatz eines HF-Messgeräts glücklicherweise nicht. Ohne individuellem Test vor Gebrauch bleibt es aber in jedem Fall eine nette Spielerei. Und nicht mehr. Den beabsichtigten Funktionstest hat mein Brustgurt gestern bestanden – das mitunter störende Gefühl inklusive. Ab sofort bleibt er wieder zu Hause.

4 Kommentare zu Herzfrequenz: Der trügerische Trainingsplaner

  1. Sehr interessant lieber Vloggy. Vielen Dank!

  2. Danke für den Link! Spannend!

1 Trackback / Pingback

  1. Schluss mit dem fetten Weisskittel-Ernährungsmythos | strohmRUN

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