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Zermatt-Nachlese: Der Bergfloh vom Rheinknie

Wer in Zermatt die Gornergrat-Bahn besteigt, ist genau 23 Minuten später auf dem Riffelberg. Die teils atemberaubende Fahrt kostet – hin und zurück, ohne Ermässigung – 62 Franken, Sitzplatz mit freier Sicht aufs Matterhorn in aller Regel inklusive. Alternativ kann man auch 115 Franken hinblättern, darf weit im Mattertal unten (präzise in St. Niklaus) kräftig Anlauf holen, zu Fuss den Berg hoch – und erhält nach 42,195 Kilometern Distanz und 1944 Steigungsmetern ein funktionales Sport-Shirt mit der Aufschrift «Finisher» in die Hand gedrückt.

In der Fachsprache nennt sich das dann Zermatt-Marathon. Letztmals am 5. Juli 2014 durchgeführt. Und ich mittendrin.

Ja. Ich kann auch Berglauf. Weshalb auch nicht?

Zum einen bin ich mit einem Kampfgewicht von rund 105 Kilogramm und einer geradezu zierlichen Grösse von 197 Zentimetern genau der Prototyp dessen, was man in der Sportwelt gemeinhin als Bergfloh bezeichnen würde. Zum andern deutete auch meine Biografie von Anfang an darauf hin, dass ich dereinst für die steilsten Rampen dieser Welt geschaffen sein werde:

Aufgewachsen in Basel unterhalb des Sägeberges (sinnigerweise in der Breite und nicht in der Höhe …), das fasnächtliche Trommel-Handwerk bei einer Clique am Klosterberg erlernt – und den Lieblings-Begg (Stichwort Russenzopf) noch heute am Spalenberg domiziliert wissend.

Doch jetzt mal ganz ernsthaft. Wenige Tage vor dem Lauf wurde mir einmal mehr die Mutter aller Fragen gestellt, auf die es eigentlich keine plausible Antwort gibt: «Warum macht man sowas?» Diese freiwillige Strapaze? Die für die Dauer von 42,195 Kilometer und 1944 Steigungsmeter oktroyierte (und ebenso praktische) Reduktion des Speiseplans auf Wasser, Iso, Cola, Bouillon, Tee, Banane und Energie-Riegel (in den eingangs erwähnten 115 Franken notabene «à discrétion» inbegriffen)? Die freiwillige Einnahme von flüssigklebrigem Gel im Plastikgüggli (oder wahlweise als Gummi-Dääfeli)? Oder das in den Wochen zuvor regelmässige Kilometersammeln im Fricktal und «dere schöne, schöne, schöne, grüene Aare naa» (Raum Aarau, nicht Bern)? Das damit verbundene Abwetzen der einkaufstouristisch-erworbenen Laufschuhhightechsohlen? Der freiwillig literweise Schweissverbrauch, der einen an diesem Juli-Tag im Oberwallis streckenweise leicht frösteln lässt?

Im Oktober steht die dritte Teilnahme am München-Marathon (insgesamt die achte Marathondistanz) auf dem Programm: Die Distanz bleibt – das verdanken wir der griechischen Mythologie – logischerweise gleich, die Anzahl Höhenmeter ist aber geradezu vernachlässigbar. «Flach kann jeder», kommentiere ich das dann jeweils nicht ohne Selbstironie. 42’195 Meter, davon kaum einer flach, schlauchen. Und sie bieten viel Zeit und Raum für Gedanken. Heisst die Antwort auf die Warum-Frage letztlich ganz simpel «Runner’s High»? Jenes Gefühl, das sich so gar nicht beschreiben lässt. Vielleicht am ehesten noch als Symbiose aus «Ich hab’s mir wieder einmal selbst bewiesen» und «Geht nicht, gibt’s nicht». Als Mischung aus «Sowas kann man sich nicht kaufen» und «Das muss man erlebt haben».

Vorerst macht sich dieser Tage aber eine gewisse Leere breit. Bis zur Definition des nächsten grossen Ziels 2015. Ein Ziel, das möglichst bald irgendwo zwischen realistisch und fordernd angesiedelt sein wird. Und mich nächstmals zur Frage führt: «Warum macht man sowas?»

Dieser Artikel erschien zunächst unter dem Titel «Ich kann auch Bergfloh» als Gastbeitrag auf dem Blog von Rainer Luginbühl.

 

Quelle Vorschaubild Artikel:
marathon-photos.com

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