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On Cloudsurfer: Zwischen Liebe und blankem Hass

Das «Projekt Horu» wird greifbar. Genau heute in zwei Wochen ist es soweit: Dann geht es, das Matterhorn im Blick, auf den Riffelberg. Nicht etwa so, wie das jeder halbwegs normale Mensch tun würde – in 23 Minuten mit der Gornergrat-Bahn. Nein. Ich wähle die Variante zu Fuss – und zwar (nach dem Motto: «Zermatt kann jeder») von St. Niklaus aus. Im Fachjargon heisst dies Zermatt-Marathon. Und als ob es nicht schon genug der Absurdität wäre: An Stelle der 31 Franken mit der Bahn, bequemer Sitzplatz inklusive, berappe ich 115 Franken Startgeld, damit ich mich auf 42,195 Kilometern und 1900 Höhenmetern ausschwitzen darf.

«Warum macht man sowas?» Erst gestern wurde mir die Frage wieder gestellt, auf die ich eigentlich keine plausible Antwort weiss. «Warum mache ich das?» Genau diese Frage werde ich mir am 5. Juli nach dem Startschuss um 8.40 Uhr bestimmt auch das eine oder andere Mal stellen. Spätestens ab Kilometer 26 – dann, wenn es nach der Schlaufe durch Zermatt so richtig in die Höhe geht: Sunnegga, Riffelalp, Riffelberg.

Diese Woche steht noch ein letzter Intensivblock auf dem Programm, danach geht es ins sogenannte «Tapering». Spontan denke ich als Wirtschaftsjournalist bei diesem Begriff an die Herausforderung für die Notenbanken, ihre expansive Geldpolitik wieder einzudämmen – in diesem Fall ist aber das gezielte Zurückfahren der Trainingsintensität vor dem Tag X gemeint. Soweit ist es vorerst noch nicht; das Trainingsprogramm, das mir «Der Coach» vorgab, hat es in sich:

  • Mittwoch: 18 Kilometer mit 400 Höhenmetern
  • Donnerstag: 20 Kilometer mit 300 Höhenmetern
  • Freitag: 18 Kilometer flach mit schnellen Intervall-Kilometern

Vor dem morgigen Abschluss (rund 10 Kilometer Intervall-Training) trage ich viele Eindrücke und eine gehörige Portion Müdigkeit mit. Gestern ging es als «Cloudsurfer» auf meine Lieblingsstrecke an die Aare zwischen Aarau und Brugg – dieses Mal im Abschnitt zwischen Biberstein und Schinznach-Bad. Wolkenreiter? So heisst das Laufschuhmodell von On, das ich vor drei Wochen ins Repertoire nahm und das es mir seither insbesondere für Trainings auf Naturwegen (aktive Fussarbeit!) sehr angetan hat. Die Dinger mit den merkwürdigen Puffern an der Sohle sah ich ein erstes Mal im Rahmen der Elba-Trainingswoche im April an den Füssen von Thomas Haberthür.

berggeist007 / pixelio.de

Diese Hängebrücke in der Region von Auenstein gehört zu den vielen Höhepunkten des Aare-Abschnitts zwischen Aarau und Brugg. Auf einer unsichtbaren Wolke: der «Cloudsurfer» von On.
(Aare-Bild: berggeist007 / pixelio.de)

«Für die Leistungssteigerung in Training und Wettkampf», schimpft sich mein Schuh – und er hat recht. «Swiss Made» obendrein, denn die Marke On wurde 2010 von den ehemaligen Werbern und Markenspezialisten David Allemann und Caspar Coppetti zusammen mit dem bekannten Tri- und Duathleten sowie mehrfachen Ironman-Sieger Olivier Bernhard auf den Markt gebracht. Wie mein «Handelszeitung»-Redaktionskollege Marcel Speiser erst kürzlich berichtete, hat die Firma heute fast 40 Angestellte, ein Aussenbüro im amerikanischen Sportartikel-Mekka Portland – und verkauft die Produkte mittlerweile über 1200 Händler in 25 Ländern.

«Die Innovation von On ist die Wolke, neudeutsch Cloud genannt», heisst es im Artikel. Unter jedem On-Schuh hat es 13 bis 18 solche Clouds. «Unter der Ferse dämpfen sie, unter dem Vorderfuss sorgen sie für dynamischen Vortrieb.» Die ursprüngliche Idee zu den Clouds hatte der ETH-Ingenieur Jürg Braunschweiler. «Er tüftelte in seiner Freizeit jahrelang an ­einem Schuh, der seine Knie beim Laufen schonen würde – unter anderem mit einem Gartenschlauch», so der Bericht. Und weiter: «Tritt man auf den Schlauch auf, dämpft er den Aufprall, legt sich langsam zusammen und bietet für den Abstoss eine harte Unterlage. Genau das tun auch die Cloud-Gummielemente von On.» Funktioniert! Kann ich unterschrieben. Ich, der für mein Gewicht mit 197 Zentimetern etwas zu klein geraten ist, lege diese schlauchähnliche Wolke an der Sohle beim jedem Schritt sowas von aufs Minimum zusammen. Und ich überlege mir deshalb heute ernsthaft, an Stelle der gemütlichen Bahnfahrt sogar mit einem On-Schuh den Riffelberg zu erklimmen (der für lange Trainingseinheiten oder Ausdauerläufe mit hoher Intensität entwickelte «Cloudrunner» steht im Sportgeschäft des Vertrauens bereit).

Doch genug der Liebeserklärung – nicht alles lief in den vergangenen Tagen rund. Vor genau einer Woche kam es zur seltenen Situation, dass ich einen Trainingslauf vorzeitig abbrechen musste. Nun gut, im Falle von 21 statt 26 Kilometern von Abbruch zu reden, ist vielleicht etwas übertrieben – aber ich spürte an jenem Samstagmittag, dass mit den Körnli etwas nicht aufgehen würde. Grund dafür war der Aufstieg hinter dem Bahnhof Mumpf zum Chriesiberg. Er, der «pfyffegraad» und im rechten Winkel zu allen erdenklichen Höhenlinien den Hang hinauf durch den Wald führt, plättete mich. Danach war die Luft draussen. Statt nach Schupfart lief ich «nur» noch bis Zuzgen. Und zerstörte – quasi als Tüpfelchen aufs «i» – in der Schlussphase mein iPhone-Glas.

Wir zwei, lieber Aufstieg hinter dem Bahnhof Mumpf in Richtung Chriesiberg, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Ich von meiner Seite habe jedenfalls alles versucht und Dich, lieber Aufstieg hinter dem Bahnhof Mumpf zum Chriesiberg, auch am vergangenen Donnerstag im Rahmen meines Intensivprogramms nochmals in die Routenwahl einbezogen. In verkürzter Form – nicht mehr rauf zum Chriesiberg, sondern mit vorzeitigem Abstecher nach Zeiningen. Als Chance auf Wiedergutmachung. Es hat nur bedingt funktioniert. Wer um alles in der Welt kam auf die Idee, mitten im Unteren (sic!) Fricktal eine solche Rampe hinzustellen? Und ohnehin: Mumpf? Was für ein Gemeindename! Das lässt sich nur noch mit Obermumpf toppen.

Es hätte auch mit dem «Cloudrunner» nicht funktioniert, der an beiden Trainingstagen im Schrank stand. (Randnotiz: Stimmt so nicht ganz – steht mit den anderen Laufschuhen im Eingangsbereich der Wohnung rum, nervt dort meine Frau, aber Schrank ist einfach eine schönere Bildsprache …) Vielleicht tue ich Dir, lieber Aufstieg hinter dem Bahnhof Mumpf in Richtung Chriesiberg, auch unrecht und verkenne Deinen Trainingswert: In Zermatt wird in zwei Wochen gegen Schluss an Stelle von kräfteraubendem Rennen auch effizientes Marschieren gefragt sein. Dafür taugt Mumpf – für mehr nicht. Auch die Frage «Warum mache ich das?» habe ich mir im Aufstieg hinter dem Bahnhof Mumpf in Richtung Chriesiberg mehrfach gestellt. Eine plausible Antwort fand ich jenen Momenten nicht …

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  1. SpongeBob und ein böser Verdacht | strohmRUN

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